Alte Musik - L'Austria imperiale barocca

Georg Muffat, Johannes Schenck, Johann Heinrich Schmelzer, Vinzenz Fux, Johann Kaspar Kerll, Johann Joseph Fux

1999 (Vol. 15, 1 CD)


Im Palais Meran, den Räumen des heutigen „Instituts für Aufführungspraxis“, wie zufällig auch immer, hat Nikolaus Harnoncourt, seit 1984 Ehrenmitglied der Kunstuniversität Graz, acht Jahre seiner Kindheit verbracht – ein, wie es scheint, wohl äußerlicher Grund für die Inanspruchnahme seiner Person für die Ansprüche der Aufführungspraxis in diesem Hause. Aber die Belebung, die von ihm für die Musik des Barocks, für die des klassischen Stils und die Musik der Frühromantik ausgegangen ist, hat für die Geschichte der Interpretation geradezu epochemachenden Charakter. Mit ihm, von Roger Norrington bis Sir John Eliot Gardiner allesamt gleichsam „Aufklärer“ der Musik, sind die Aufgaben für die nachschöpfenden Musiker neu gestellt. Es kann, es darf nicht mehr so gespielt werden, wie es „traditionellerweise“ geschah und noch geschieht. Man geriete in nichtssagende Oberflächlichkeit, in eine „Schlamperei“, wie Gustav Mahler wohl gesagt hätte, in der die Botschaften, die Mitteilungen, das, was uns die Komponisten erzählen wollten, der Hegelschen „Furie des Verschwindens“ ausgesetzt wären.
Das „Institut für Aufführungspraxis“ und das Fach „Cembalo und Aufführungspraxis“ an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz haben diesen Anspruch, wie ihn Nikolaus Harnoncourt in die kritische Interpretationsszene eingebracht hat, mit großem Ernst wahrzunehmen. Dabei müssen Theorie und Praxis, Reflexion und praktisches Musizieren, eine Symbiose bilden. Diese erste CD mit „Alter Musik“ in der Reihe der „Klangdebüts“ ist einerseits in diesem Bereich eine Bestandsaufnahme an der Grazer Kunstuniversität, und andererseits werden daraus Impulse für eine weitere Entwicklung nicht nur dieser Szene, sondern der historischen Aufführungspraxis überhaupt erwachsen. „Schließlich müssen wir, über so verstandene Musik eines Monteverdi, Bach oder Mozart, wieder zur Musik unserer Gegenwart finden, die ja unsere Sprache spricht, unsere Kultur ist und weiteführt.“ (Nikolaus Harnoncourt, „Musik als Klangrede“, Salzburg und Wien 1982) Schließlich aber ist die Arbeit der Aufführungspraxis nicht eingeengt auf die „Alte Musik“ zu verstehen. Sie schärft von dieser her den Blickwinkel für die Parameter der Interpretation der Musik insgesamt und schließt in ihre Logik die Musik der Gegenwart ebenso ein.


Otto Kolleritsch, Rektor


Die Nr. 15 der Reihe „Klangdebüts“ ist zur Gänze der Epoche des Barocks gewidmet. Als Vorbereitung wurden ausgehend von den Studienmöglichkeiten an der Kunstuniversität Graz Studierende der Streicherklassen mit dem Spiel auf barocken Streichinstrumenten vertraut gemacht. Dies geschah in Gastkursen für Streicherensemble, welche von Susanne Scholz (Barockvioline) während des Studienjahres 1998/99 am Institut für Aufführungspraxis gehalten wurden, mit dem Ziel, Ensembles bis hin zum Barockorchester zu bilden.
Das Programm rund um Werke von Georg Muffat und Johann Joseph Fux anzulegen, war für eine österreichische Kunstuniversität naheliegend. Infolge des großen Einflusses auf das Werk dieser beiden Meister wurden als Voraussetzung die Nationalstile Italiens und Frankreichs beleuchtet. Die vorbereitenden Seminare beschäftigten sich in Theorie und Praxis mit der Entwicklung der Canzona und Sonate, mit Corellis bahnbrechenden Concerti Grossim, dem hochbarocken französischen Instrumentalstil und der Stilverschmelzung in der Musik an österreichischen Höfen um 1700.


Konstanze Rieckh, Abteilung für Tasteninstrumente


 

Titelliste:
 

  • Georg Muffat (1653-1704)
    Concerto grosso X „Perseverantia“ in G-Dur
    aus der Auserlesenen mit Ernst und Lust gemengten Instrumental-Music
    Allemanda [2‘42“], Grave [1‘35“], Gavotta [1‘30“], Menuet [1‘20“]
    Barockorchester der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz

  • Johannes Schenck (um 1656-nach 1712)
    Sonata V in d-Moll für Viola da Gamba
    Preludio [1‘53“], Alemand [2‘06“], Courant [1‘27“], Aria Burlesca [1’40”]
    Christoph Urbanetz – Viola da gamba

  • Johann Heinrich Schmelzer (um 1620-1680)
    Sonata X für zwei Violinen, Viola da Gamba und Basso continuo aus Duodena Selectarum Sonatarum [4‘59“]
    Marie-Luise Schreiner, Nina Weiss – Barockvioline, Christoph Urbanetz – Viola da gamba, Silke Ostrek – Cembalo

  • Vinzenz Fux (um 1606-1659)
    Sonata für zwei Violinen und Basso continuo [2‘34“]
    Lucia Froihofer, Bernadette Schmutz – Barockvioline, Mirella Wolfgruber – Barockcello, I-Ing Li – Cembalo

  • Johann Kaspar Kerll (1627-1693)
    Magnificat VIII. Toni [3’23”]
    Canzona in d [5’02”]
    Matej Podstensek – Orgel

  • Johann Joseph Fux (um 1660-1741)
    Partita VI in d-Moll K 357 aus dem Concentus musico-instrumentalis
    Ouverture [6’00”], Aria. Andante [3’01”], Menuet [0’51”], Gavotte [0’46”], Sarabanda [1’36”], Guique en Rondeau [1’37”], Finale. Adagio-Allegro [1‘22“]
    Barockorchester der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz

  • Johann Joseph Fux
    Ciaccona in D-Dur K 403/2  [8‘43“]
    Eva Maria Pollerus – Cembalo

  • Johann Joseph Fux
    Sonata in canone für zwei Viola da gamba und Basso continuo (E 66)
    Moderato [2’49”], Adagio [1’50”], Allegro [1’47”]
    Christoph Urbanetz, Markus Gesslbauer – Viola da gamba, Herbert Lang – Violone, Eva Maria Pollerus – Orgelpositiv

  • Georg Muffat
    Concerto grosso XI “Delirium Amoris” in e-Moll
    aus der Auserlesenen mit Ernst und Lust gemengten Instrumental-Music
    Sonata. Grave-Allegro [0‘45“], Ballo [1‘22“], Grave [2’00”], Menuet [1’04”], Giga [1’12”]
    Barockorchester der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz