Franz Schubert und die Musik der Moderne 2000

4. Internationaler Wettbewerb 2000 "Franz Schubert und die Musik der Moderne" 
Duo für Gesang und Klavier (Lied), Klavier solo, Streichquartett
Live-Mitschnitte der 3. Durchgänge und des PreisträgerInnenkonzerts
2000 (Vol. 20, 2 CDs)


Jede Musik, die sich ernst nimmt – Franz Schuberts Werk dafür ihr unübertreffbares Paradigma –, ist nicht die Kunst einer vorschnellen Versöhnung. Bei Schubert ist sie eine, die vom Glück weiß und darüber traurig ist, dass es sich nicht erfüllen kann. Sie bleibt gleichsam endlos offen wie Alban Bergs Lyrische Suite (hier gespielt vom ersten Preisträger, dem Quartetto Armonico aus Japan): „Ein Instrument schweigt nach dem anderen. Die Bratsche ist allein übrig und ihr wird nicht einmal das Verlöschen, nicht einmal der Tod zugestanden. Sie muss spiele für immer“, und wir sind es, die sie nicht mehr wahrnehmen. So endet die Suite, ohne schließen zu können. – Unsere Programmidee der Verbindung von Tradition und Moderne signalisiert grundsätzlich Offenheit und Nicht-endgültig-sein-Können. Was in Alban Bergs Musik erklingt und in Adornos Sätzen zur Sprache kommt, ist dieser Idee des Wettbewerbs „Franz Schubert und die Musik der Moderne“ vergleichbar, ausgedrückt durch das Unabschließbare künstlerischen Denkens, eines Denkens, das sich losgelöst wissen muss von der falschen Vorstellung eine Kultur-Besitzes.

Wenn wir uns mit der Tradition beschäftigen, müssen wir uns auch mit unserer Zeit beschäftigen, mit den Bedürfnissen unserer heutigen Welt. Ebenso wenig wie wir darum herumkommen, uns mit dem Weltbild Schuberts einzulassen, kommen wir herum, uns mit unserer Realität zu beschäftigen, wenn wir ihn heute spielen und seine Botschaften für uns begreifen wollen.

Es ist eine Metamorphose, das heißt, richtig gesehen und künstlerisch richtig getan (das heißt interpretiert) geschieht immer eine Verwandlung: alte Texte verwandeln sich in neue, wobei die alten Texte als künstlerische Texte, im gegenständlichen Falle die uns überlieferten Kompositionen Franz Schuberts, keine veralteten sind, sondern Protokolle außergewöhnlicher, überzeitlicher menschlicher Situationen. Veraltet aber kann die Form der Wiedergabe sein, indem gewohnt gewordenen Usancen des Spielens Authentizität zu erschweren begonnen haben. Tradition verstehen wollen ist ein nur scheinbar rückwärts gewandter Blick. Mit ihm gerät auch eine besondere Perspektive für die Zukunft ins Bewusstsein.

Die programmatische Leitlinie der Kunstuniversität Graz ist geprägt von der Überzeugung, dass nur von dem vorgeschobensten Posten des musikalischen Schaffens die Tradition wieder erobert werden kann. Das bedeutet, dass die Interpretation traditioneller Musik sich durch die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik notwendigerweise verändern muss und umgekehrt die Interpretation zeitgenössischer Musik immer von der Kenntnis der Tradition für ihr Verständnis profitieren wird. Die innere Lebendigkeit der Musik der Vergangenheit kann mit der Musik der Gegenwart „hervorgepflügt“ werden. Im mechanisch vorgeführten Repertoirebetrieb werden die Werke der Vergangenheit stumm und ausgeleert, je lauter sie dort tönen, und nicht mehr ursprünglich wahrgenommen, sondern im Schutze eines Bildungsglaubens „bloß noch“, wie Adorno sagt, „als sozial bestätigte konsumiert“. Durch die mechanisch gewordene Art und Weise, mit der Musik umzugehen, geht das Neue im Alten verloren. „Erste Wiener Schule“ und „Zweite Wiener Schule“: kein Ergebnis bloßer Chronologie, sondern bewusst hat der Kreis um Arnold Schönberg sich „Zweite Wiener Schule“ genannt, um ihre Wurzeln in der Ersten hervorzukehren. Sie haben ihre Werke auch als Impulse verstanden, schlechte Tradition – an Mahlers Diktum „Tradition ist Schlamperei“ wäre zu erinnern – „aufzusprengen“.

Der Grazer Wettbewerb „Franz Schubert und die Musik der Moderne“ will gemäß dem Profil der Grazer Kunstuniversität als ein „kritischer“ gesehen werden: Die Einbeziehung der Neuen Musik will den Programmtendenzen der üblichen Wettbewerbe und zugleich jenen des allgemeinen Musiklebens, deren Spiegel Wettbewerbe nur zu gerne sind, widersprechen. Ein Ergebnis dieser kritischen Sicht ist auch die partnerschaftliche Bewertung in der Sparte Duo für Gesang und Klavier (Lied). Bewusst wird in dieser Disziplin vom „Duo für Gesang und Klavier“ gesprochen, um die integrative Bedeutung der kammermusikalischen Qualität zu unterstreichen.

22 international renommierte Persönlichkeiten bildeten die Jury, die in der Differenziertheit ihrer Zusammensetzung auf die Spezifik des Wettbewerbes – Tradition, Moderne, kammermusikalische Qualität – zu reagieren versuchte. 155 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 26 Nationen wurden in den Sparten Duo für Gesang und Klavier (Lied), Klavier solo und Streichquartett nicht nur beurteilt, sondern in vielen Fällen auch beraten, dass über die Wettbewerbserfolge der Preisträger hinaus auch eine künstlerisch-pädagogische Interaktion in Gang gebracht werden konnte: Mobilität durch die Internationalität der Teilnehmer und der Jury und Interdisziplinarität durch die Gleichzeitigkeit verschiedener Traditionen und ihrer interpretatorischen und ästhetischen Standpunkte. Dem dient auch die von der Kunstuniversität Graz über diesen Wettbewerb herausgegebene „Dokumentation“, in der die Juroren und Wettbewerbsgewinner aufschlussreich zu Wort kommen mit ihren ästhetischen Standpunkten (national verschieden), mit Feststellungen über organisatorische Fakten und mit Schlussfolgerungen, die aus den gemachten Erfahrungen gezogen worden sind. Diese „Dokumentation“ ist als Broschüre erhältlich.

Die Aufnahmen auf dieser CD sind Live-Mitschnitte des Schlusskonzertes und der dritten Durchgänge (der Finalrunden). Sie wurden vom Österreichischen Rundfunk (ORF) aufgenommen, das Schlusskonzert am 18. April 2000 in Ö1 übertragen. Vorgestellt werden alle Preisträgerinnen und Preisträger, auch die der Sonderpreise.


Otto Kolleritsch, Rektor



Titelliste:
 

Disc 1

  • Alban Berg
    Lyrische Suite für Streichquartett
    Allegretto gioviale [3:20], Andante amoroso [6:18], Allegro misterioso – Trio estatico [3:22], Adagio appassionato [5:59], Presto delirando – Tenebroso [4:45], Largo desolato [6:51]
    QUARTETTO ARMONICO (Japan)
    Sayo Sugaya, Violine, Emi Ikuta, Violine, Natsuko Sakamoto, Viola, Ryo Kubota, Violoncello

  • Franz Schubert
    Streichquartett in a-Moll op. 29 D 804  ”Rosamunde”
    2. Satz  Andante [7:42]
    AMAR QUARTETT (Schweiz)
    Anna Brunner, Violine, Lorenz Gamma, Violine, Hannes Bärtschi, Viola, Maja Weber, Violoncello

  • György Ligeti
    Streichquartett Nr. 1 ”Métamorphoses nocturnes” [21:54]
    CONTEMPO (Rumänien)
    Marius Bogdan Sofei, Violine, Ingrid Nicola, Violine, Andreea Banciu, Viola, Adrian Mantu, Violoncello

  • Edison Denisov
    Trois Préludes (1995)
    1. Agitato [0:51], 2. Tranquillo, poco rubato [2:33], 3. Presto [2:21]

  • Sofia Gubaidulina
    Chaconne (1962) [8:35]
    Olga ANDRYUSCHENKO (Russland)

Disc 2

  • Franz Schubert/Franz Liszt
    ”Mädchens Klage” R 248/2 [4:21]

  • Olivier Messiaen
    Aus: Catalogue d'oiseaux
    ”Le courlis cendré” [10:08]
    Michael WENDEBERG (Deutschland)

  • Franz Schubert
    Tänze für Klavier – eine Auswahl
    D 783/4 [0:31], D 365/2 [0:40], D 783/10 [1:05], D 145/4 [0:34], D 779/13 [1:12]

  • György Kurtág
    Splitter für Klavier op. 6d [5:45]
    Svetlana SOKOLOVA (Russland)

  • Franz Schubert
    ”Ganymed” op. 19/3 D 544 (Goethe) [4:05]

  • Alban Berg
    Aus: Sieben Frühe Lieder 
    ”Liebesode” (Hartleben) [2:17], ”Traumgekrönt” (Rilke) [1:42]

  • Luigi Dallapiccola
    Quattro Liriche di Antonio Machado
    Mosso; con vivacità [1:15], Lento; flessibile [2:06], Sostenutissimo (Tempo I) [1:33], Quasi adagio; con amarezza [2:27]
    Letizia SCHERRER, Sopran (Schweiz), Tatiana KORSUNSKAYA, Klavier (Russland)

  • Franz Schubert
    ”Du liebst mich nicht” op. 59/1 D 756 (Platen) [3:47]

  • Einojuhani Rautavaara
    Aus: Shakespeare Sonnets op. 14
    ”When I do count the clock that tells the time” [2:47], ”Shall I compare thee to a summer's day?” [1:39]

  • Franz Schubert
    Aus: Schwanengesang D 957 
    ”Frühlingssehnsucht” (Rellstab) [3:56]
    Herman WALLÉN, Bariton (Finnland), Kanako NAKAGAWA, Klavier (Japan)

  • Friedhelm Döhl
    Aus: ”Wenn aber”. Neun Fragmente nach Hölderlin 
    ”Tende Strömfeld” [5:36]
    Markus VOLPERT, Bariton (Deutschland), Bernd SCHÄFER, Klavier (Deutschland)

  • Franz Schubert
    ”Auf dem Wasser zu singen” op. 72 D 774 (Stolberg) [3:56]

  • Dmitrij Schostakowitsch
    Aus: Satiren op. 109 
    ”Das Erwachen des Frühlings” [3:05]
    Bernhard BERCHTOLD, Tenor (Österreich), Irina PURYSHINSKAJA, Klavier (Russland)

  • Franz Schubert 
    ”Lied der Delphine” op. posth. 124 D 857/1 (Schütz) [4:52]
    Evgenia GREKOVA, Sopran (Russland), Matthias ALTEHELD, Klavier (Deutschland)