Ernst Krenek zum 100. Geburtstag

Symphonische Musik, Flötenstück neunphasig, Parvula Corona Musicalis, Doppelt beflügeltes Band

2002 (Vol. 22, 1 CD)


Die Universität für Musik und darstellende Kunst Graz hat im Jahr 2000 mit ihren Studierenden die siebenteilige Konzertreihe Zeuge des 20. Jahrhunderts. Ernst Krenek zum 100. Geburtstag (mit Einführungen von Matthias Schmidt und Claudia Maurer Zenck) veranstaltet. Die vorliegende CD Klangdebüts bringt Ausschnitte aus diesem Programm. Krenek und Graz ist ein nicht zu übersehendes Kapitel im Curriculum des österreichischen Komponisten – eine Tatsache, die aus wienperspektivischer Sicht der Krenekrezeption in Österreich nur zu gerne (fast schon systematisch) vergessen wird. In Graz hat die erste Nachkriegsaufführung von Kreneks Oper Das Leben des Orest stattgefunden. 1969 erlebte Karl V. am Grazer Opernhaus die bis dahin einzige szenische Aufführung in Osterreich, 1973 wurde die Oper Orpheus und Eurydike mit dem Text von Oskar Kokoschka ebenfalls hier gegeben. 1969 wurden, zu einem kleinen Festival verdichtet, auch symphonische und kammermusikalische Werke von Krenek gespielt. Damals hat Krenek auch am Institut für Wertungsforschung der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz einen Vortrag gehalten über Welche Fassung ist besser?, wobei er sich auf die Vorführung seiner Komposition für Kammermusik unter dem Titel Eibonacci Mobile bezog, und die damalige Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz, die heutige Kunstuniversität, verlieh ihm die Ehrenmitgliedschaft. Zum 80. Geburtstag Ernst Kreneks widmeten sich das Musikprotokoll des steirischen herbstes 1980 und das traditionsgemäß vom Institut für Wertungsforschung dazu parallel veranstaltete Musiksymposion (24.-26. Oktober) seinem Schaffen. Seinen Vortrag bei diesem Symposion betitelte Krenek „Von Krenek über Krenek zu Protokoll gegeben“. Es sprachen namhafte Musikwissenschafter und Komponisten: Carl Dahlhaus, Rudolf Stephan, Gösta Neuwirth, Ivanka Stoianova, Wolf Frobenius, Claudia Maurer Zenck u. a.. Die Beiträge sind in Band 15 der Studien zur Wertungsforschung, hrsg. von Otto Kolleritsch, publiziert. Im Einleitungstext dieser Publikation schreibt der Herausgeber: Mit Ernst Krenek sei „ein großer österreichischer Komponist ins Blickfeld gestellt, der von vielen, die die Entwicklung der ihm zeitgenössischen Musik darzustellen versucht haben, als ein Problemkünstler eingestuft und damit gleich einer Beurteilung zugeführt worden ist, ohne dabei den zweiten und folgerichtig sich ergebenden Gedanken und Schrift angeschlossen zu haben, nämlich zu erkennen, daß es sich bei dem in Kreneks Werken zutage tretenden Problematischen, gerade durch des Komponisten konsequente Art einer stetig ernst genommenen Auseinandersetzung den vorgefundenen musikalischen Erscheinungen, um die seismographisch sich spiegelnde Problematik der neuen Musik überhaupt wohl auch handeln müßte.“

Viel wurde und wird über das Österreichische in der Musik, über die österreichische Art des Musizierens, reflektiert und gesprochen. Sie ist ein Ergebnis der Überlappung verschiedener Idiome und Mentalitäten. Daraus kann, gerade wenn junge Menschen musizieren, im emphatischen Sinne ein Musik-Machen resultieren, in dem das Verhältnis der Erscheinungen zum Leben jenseits von Ideologien und Doktrinen verstehbar wird. In Kreneks Erinnerungen an die Moderne, dem aus dem amerikanischen Englisch übersetzten 1998 erschienenen Buch Im Atem der Zeit, wird die Fülle des Mitgeteilten zu einer Komplexität vernetzt durch sein genuines Verhältnis zu Österreich, durch seine Vorstellung von dem „wirklichen Österreich“, das für ihn etwas „unendlich Liebenswertes, Zerbrechliches“ ist, dessen Unternehmungen und Leistungen ihn jedesmal „erstaunen und mit Stolz erfüllen, so wie man ein krankes Kind bewundert, wenn es seine Suppe essen kann“, das zugleich aber „keineswegs fein und zart, sondern voller Idioten und Gauner“ ist.

Die universitätseigene CD-Reihe Klangdebüts (die vorliegende CD ist die 22.) ist den an der Kunstuniversität Gras studierenden jungen Musikerinnen und Musikern vorbehalten: Dokumente ihrer Leistungen für ihren Berufseintritt einerseits, versuchen wir andererseits künstlerisch das spezifische Profil unseres Hauses durch die gewählten Programme und eine kritisch reflektierte Art des Musizierens zu präsentieren: Zum Zwecke besseren Verstehens muss versucht werden, vom musikalischen Text zurück und über ihn hinaus zu fragen, dass er in unserer Zeit eine Gestalt des lebendigen Denkens erhält. Die musikalische Kultur – selbstverständlich nicht nur diese –, Kultur überhaupt, ist als ein lebendiges Ganzes zu begreifen und nicht als eine Ansammlung aus allerlei Vergangenheiten: ein In- sich-Verbundenes, das mit seiner Wirkung über die Jahrhunderte reicht. Eine Komplexität also, wie sie auch Kreneks geschichtsbezogenes Schaffen zu einem immer wieder neuen gemacht hat.
 

Otto Kolleritsch, Rektor


 

Titelliste:

  • Symphonische Musik für neun Soloinstrumente op. 11 (1922)
    1. Satz (Allegro deciso, ma non troppo) [14'35"], 2. Satz (Adagio) [12'24"]
    Ensemble für Neue Musik des Instituts für Komposition, Musiktheorie, Musikgeschichte und Dirigieren der Kunstuniversität Graz, Dirigent: Edo Micic

  • Flötenstück neunphasig op. 171 (1959)
    Teil A [6'10"], Teil B [7'06"]
    Flöte: Stefan Stoll, Klavier: Hsin-huei Huang

  • Parvula Corona Musicalis für Streichtrio op. 122 (1950)
    I. Argumentum [0'39"], II. Symphonia [2'01"], III. Invocationes [0'51"], IV. Contrapuncti varii [1'48"], V. “Corona” [2'22"], VI. Clausula [0'49"]
    Violine: Katharina Oswald, Viola: Gerald Fest, Violoncello: Philipp Schachinger

  • Doppelt beflügeltes Band / Tape and Double op. 207 (1969/70) [16'09"]
    Klavier: Ai Itoh und Noriko Morimoto