Ferruccio Busoni

Sonate für Klavier und Violine Nr. 2 e-Moll, Goethe-Lieder für Bariton und Klavier, Bercuese für Klavier, Etüde für Klavier a-Moll, Concertino für Klarinette und kleines Orchester

2004 (Vol. 27, 1 CD)


Busoni (1866-1924) gehört zur Generation, die am Beginn des vorigen Jahrhunderts eine große Veränderung verspürte und sich diese wünschte. Ein Aufbruch mit nicht nur bewusster, auch leidenschaftlicher Loslösung vom Alten und entschlossen, Neues zu konzipieren und zu verantworten. Freiheitsvorstellungen. Freiheitsgefühle, die über ein gewöhnliches Pathos hinauslangten, worin neue Inhalte gesucht wurden, um sie in neuer Zeit neu zugestalten.
Der Literaturhistoriker und Kulturphilosoph Hans Mayer (1907-2001) sagt von diesen „Heranwachsenden einer ersten Vorkriegszeit“, zu welchen auch Busoni zählt: Sie „fühlten sich jung mit dem jungen Jahrhundert. Sie ahnten – undeutlich zumeist –‚ dass eine Ära ans Ende gelangt sei: mitsamt ihren Moden, Bildungsvorstellungen und Hierarchien.“ Und er meint weiter, Arnold Schönberg habe als Komponist Busonis „ utopisch-resignativen Idealismus“ überwunden und den „Weg frei für eine neue Tonkunst, nicht bloß für eine neue Ästhetik gemacht.“
Wenn von einer „neuen Tonkunst“ und „neuen Ästhetik“ zugleich gesprochen wird, liegt der Schluss nahe, dass der eine mit seiner Praxis erfüllt, was dem anderen aus irgendeiner Ermangelung nur als utopische Konzeption vorschweben konnte. Hat Schönberg diese Erfüllung gebracht? War er der „Ciotto“ der Musik, von dem Busoni träumte?
Nach den Intentionen Busonis nicht. Er hat zwischen Tonkunst und Musik unterschieden: jener, die im Entwicklungsstrom der Tradition nicht frei werden konnte und dieser, die „schwebend“ sein sollte, ein „schwebendes Kind“, aber die Menschen „verleugnen die Bestimmung dieses Kindes und fesseln es.“
(Am Rande sei erwähnt, dass Ferruccio Busoni sich 1878-1881 mit seinen Eltern in Graz aufgehalten bat, als Pianist konzertierte, eigene Kompositionen aufführte und bei Wilhelm Mayer (W. A. Rémy) am Musikverein für Steiermark das Schulwissen der Komposition sich erworben hat. Der Musikverein für Steiermark ist ja die erste Zelle als Vorgängerinstitution der heutigen Kunstuniversität Graz gewesen, er wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts als „Akademischer Musikverein“ gegründet, dessen Singschule als ältestes Musikinstitut Österreichs noch vor Wien den Unterricht aufgenommen hat.
Der Komponist des „Evangelimann“, Wilhelm Kienzl, der in Graz auch als Musikschrittsteller wirkte, hat diese frühen Erfolge eines Hochbegabten als eine Gefahr für die weitere Entwicklung erkannt und Busoni einen anderen Weg dar Herausforderung gewiesen.)


Otto Kolleritsch, Rektor


 

Titelliste:

  • Sonate für Klavier und Violine Nr. 2 e-Moll, op. 36a
    Langsam [8.17], Presto [3.10], Andante piuttosta grave [3.37], Andante con moto (Choral von J. S. Bach) [3.12], Alla Marcia, vivace – Andante – Tranquillo assai – Allegro deciso, un poco maestoso [13.29]
    Albana Laci – Violine, Alexandra Goloubitskaia – Klavier

  • Aus Fünf Goethe-Lieder für Bariton und Klavier, BV 278/281 (J. W. v. Goethe, West-östlicher Divan)
    Schlechter Trost [2.44], Lied des Unmuts [2.49]
    Tomaz Kovacic – Bariton, Alexandra Goloubitskaia – Klavier

  • Berceuse für Klavier, BV 252 [4.41]

  • Etüde für Klavier a-Moll, op. 16 Nr. 2 [4.50]
    Ryoko Ohashi – Klavier

  • Concertino für Klarinette und kleines Orchester op. 48
    Allegretto sostenuto [3.28], Andantino [2.44], Quasi Recitativo (sostenuto, quasi Adagio) – Allegro sostenuto – Tempo di Minuetto, Sostenuto e pomposo [4.51]
    Mátyás Firtl – Klarinette, Opernorchester KlangImPuls, Dirigent: Wolfgang Schmid